
Ich möchte euch gerne auf ein Buch und damit einen Menschen aufmerksam machen, das ich vor längerer Zeit mal las und seitdem immer mal wieder gelesen habe.
Iovialis – Geständnisse eines Terroristen
Es geht im Grunde genommen um Jörg Drescher, der einen authentischen Gegenwartsroman schrieb, indem er über sich selbst berichtete.
Jörg berichtet in dem Buch immer wieder aus verschiedenen Zeiten. Der Sachverhalt ist etwas kompliziert, da es die Gegenwart gibt, in der das Buch geschrieben wurde (Ort: Kiew), dann eine zweite Zeit, die etwas länger zurück liegt und die in der Gegenwart endet (ebenfalls in Kiew) und dann die eigentliche Geschichte des Buches, das Leben Jörgs als Jugendlicher in Deutschland.
Hier eine grobe Zusammenfassung:
Jörg lebte in einer zerrütteten Familie, seine Mutter wurde von seinem Vater vergewaltigt und gequält, was letztendlich zum Auszug Jörgs führte. Er rutschte ab ins Drogenmillieu, lebte bei Freunden, konnte die Schule nicht mehr ordentlich abschließen, war aber simultan ein politisch interessierter junger Mann, der sich informierte und einige unstimmigkeiten fand, die ihn sehr ärgerten. So versuchte er diese Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen, schrieb an Politiker, redete mit Professoren, las viele schlaue Bücher, doch alles half nichts.
Die Welt wurde nicht besser und bald folgten die ersten Bombendrohungen Jörgs. Zwischenzeitlich versuchte er, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, kam in psychatrische Behandlungen, hatte Rückfälle und immer und immer wieder ärgerte er sich über Unstimmigkeiten im Grundgesetz. Wieder versuchte er, die Politik zu ändern, er war allerdings zu diesem Zeitpunkt schwer Drogensüchtig, er litt an Wahnvorstellungen.
Er kam zu dem Entschluss, dass Bombendrohungen allein nicht ausreichten, beriet sich mit einem Bekannten und plante den Bau einer Bombe. Das Material besorgte er sich, baute die Bombe, ließ allerdings den Zünder weg. Tatsächlich deponierte er die Bombe in einem Schließfach eines Bahnhofes und verständigte mehrere Zeitungen. Allerdings war er vom Drogenkonsum dermaßen mitgenommen, dass er das nicht anonym tat, sondern so, dass Rückschlüsse auf ihn zu ziehen waren. Die Zeitungen leiteten die Drohung ans BKA weiter, dieses stand sehr schnell bei Jörg vor der Tür.
Vom weiteren Verlauf möchte ich nicht viel erzählen, vielleicht noch soviel, dass es um den Bau einer schmutzigen Bombe geht (Radioaktives Material wird mit Sprengstoff verteilt, der Schaden ist gering, der Effekt sehr groß).
Was mich an der Geschichte sehr fasziniert ist, dass das alles zu einer Zeit geschah, die noch nicht so lange her ist. Es geht um die RAF-Morde, es geht um die mysteriösen Todesfälle von inhaftierten RAF-Mitgliedern, aber auch darum, dass Schröder aus Verfassungswidrigen Gründen die Vertrauensfrage stellte. Die Handlung spielt quasi mitunter in einer Zeit, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, dennoch kann man eine völlig andere Sicht der Dinge erleben, von Tatsachen lesen, die man vorher nicht kannte.
Neben der Erzählung fließt sehr viel geschichtliches Wissen mit ein, belegt durch Quellenangaben.
Tatsächlich ist Jörg Drescher der erste Terrorist, dessen Beweggründe ich nachvollziehen konnte und der mir komischerweise sympatisch ist. Das soll nicht heißen, dass ich Bombendrohungen und Terror gutheiße, gerade deshalb hat mich diese Geschichte ziemlich verwirrt.
Es ist ein meiner Meinung nach recht wertvolles Buch, da es authentisch berichtet und den Lebensweg eines Terroristen darlegt. Auch ist es durchaus spannend geschrieben, auch wenn es teilweise sehr verwirrend ist. Ich habe noch kein anderes Buch gefunden, was sich damit vergleichen ließe (was jetzt ohne Wertung gemeint ist).
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