John Le Carré – “Marionetten (A most wanted man)” – Rezension

Angeregt von einem spannend klingenden Rückentext habe ich mir vor zwei Wochen “A Most Wanted Man” (Deutsch: Marionetten) von John le Carre gekauft. Diesen Text möchte ich euch nicht vorenthalten, vor allem, weil ich mich später noch explizit auf ihn beziehen werde.
Praise for The Mission Song
‘REQUIRED READING FOR EVERYBODY
The Sidney Morning HeraldA half-starved young Russian man in a long black overcoat is smuggled into Hamburg at dead of night. He has an improbable amount of cash secreted in a purse round his neck. he is a devout Muslim. Or is he? He says his name is Issa.
Annabel, an idealistic Gyoung German civil rights lawyer, determines to save Issa from deportation. Soon her client’s survival becomes more important to her than her own career. In pursuit of Issa’s mysterious past, she confronts the incongruous Tommy Brue, a sizty-year-old scion of Brue Freres, a failing British bak based in Hamburg.
A triangle of impossible love is born.
Meanwhile, scenting a sure kill in the so-called War on Terror, the spies of three nations converge upon the innocents.
Poignant, compassionate, peopled with characters the reader never wants to let go, A Most Wanted man is alive with humour, yet prickles with tension until the last heart-stopping page. It is also a work of deep humanity, an uncommon relevance in our times.
In der deutschen Ausgabe mag der Text anders klingen, doch da ich diese nicht habe, kann ich das nicht sagen. Im folgenden werde ich mich durchweg einzig auf die englische Ausgabe beziehen!
Der Author war mir fast gaenzlich unbekannt, lediglich von dem Buch “Der Spion, der aus der Kaelte kam” habe ich schon einmal etwas gehoert, gelesen habe ich es allerdings nicht. Der Kauf war somit fast ein Blind-Kauf, ich kannte das Buch nicht, habe keine Empfehlungen gehoert, nur der Rückentext schien vielversprechend zu sein. Meine Erwartungen waren also nicht unglaublich hoch, ich freute mich auf einen spannenden, unterhaltsamen und vor allem facettenreichen Thriller mit einer großartigen Story.
Handlung:
Aus einem tuerkischen Gefaengnis geflohen und illegal nach Deutschland eingereist sucht ein tschtschenischer Moslem Zuflucht bei einer muslimischen Familie in Hamburg. Am Anfang erscheint er dieser, Melik und seiner Mutter Leyla, als armer, halbverhungerter und etwas verwirrter Mensch, fuer den Melik kaum Sympathien aufbringen kann. Doch je mehr sie von ihm erfahren, desto mehr gibt dies Melik zu denken. Sein richtiger Name ist Issa, seine “Reise” konnte er finanzieren, da er einen Geldbeutel um den Hals hatte, der voll mit amerikanischen Dollar-Noten ist. Von der Tuerkei aus ist er durch mehrere Bestechung per Schiff erst nach Skandinavien und anschliessend nach Deutschland gekommen. Doch warum gerade Hamburg? Issa ist davon ueberzeugt, dass ihm nur von Tommy Brue, dem Direktor einer britischen Bank in Hamburg, geholfen werden kann. Auch Annabel Richter, eine junge Anwaeltin der Sanctuary North, einer Organisation, die Immigranten hilft, sich in Deutschland einzuleben, wird in den Fall miteinbezogen, indem sie Issas Interessen als seine Anwaeltin vertritt. Doch sowohl Tommy Brue als auch Annabel Richter, nicht zu erwaehnen natuerlich Issa, Melik und Leyla, bewegen sich in viel groesserer Gefahr als sie anfaenglich denken. Denn die Geheimdienste verschiedener Staaten halten Issa fuer einen islamistischen Terroristen. Somit sind ihnen der amerikanische, britische und deutsche Geheimdienst auf den Fersen. Doch das haelt die Protagonisten nicht davon ab, Issa (aus von Person zu Person verschiedenen Gruenden) zu beschuetzen und vor der Deportation zu bewahren, auch wenn sie damit ihre eigene Karriere und Anerkennung in starke Gefahr bringen.
Meine Meinung:
Der Anfang des Buches liest sich sehr schnell und fluessig und ich habe mich gefreut, das Buch gekauft zu haben. Als Leser befindet man sich erstmal in Meliks Perspektive und teilt seine Gedanken und Gefuehle. Man steht Issa noch etwas skeptisch gegenueber, was vor allem durch seine Erscheinung zu begruenden ist. Doch je mehr ueber ihn bekannt wird, desto mehr mag man ihm glauben und bemitleidet ihn fuer die Folter, die er in seiner Gefangenschaft erdulden musste. Doch das zweite Kapitel unterbricht diesen Lesefluss massiv, da es direkt zu Tommy Brue springt, ueber den man bisher noch kein Wort gehoert hat. Das Tempo wird also etwas gebremst und die Geschichte komplexer. Doch die Linien finden zusammen und ueber Annabel Richter kann Issa nun auch mit Tommy Brue kommunizieren und seine Anliegen vorbringen. Auch hier hat mir das Buch noch relativ gut gefallen, doch es flacht langsam ab, das anfaengliche Tempo ist raus und das Buch schleppt sich ueber den Mittelteil etwas hin.
Hier werden vor allem sehr viele Geheimdienst-Mitarbeiter verschiedener Laender vorgestellt, doch das war es auch schon. Nur Guenther Bachmann wird genauer beleuchtet, alle anderen zwar hin und wieder erwaehnt, aber sie bleiben blass. Das ist auch einer meiner Hauptkritikpunkte: Die Figuren werden zu wenig beleuchtet, es wird zu wenig mit ihnen gemacht. Annabel soll eine junge, attraktive aufstrebende Anwaeltin mit festen Vorstellungen sein, die fuer die Menschen(-rechte) kaempft. Doch dabei bleibt es auch schon. Sie hat im Prinzip kein Privatleben, keine Freunde, sie scheint durchweg mit ihrer Arbeit beschaeftigt zu sein. Das steht fuer mich etwas in Kontrast zu ihren Attributen jung und attraktiv. Auch wird die Gefahr, in der sie durch ihre Arbeit ist, bei weitem nicht ausreichend beschrieben. Man muss nur einmal bedenken, dass sie einem tschtschenischen Moslem hilft, der als islamistischer Terrorist auf den Fahndungslisten des Interpols steht. Das heisst fer Annabel, dass sie, sollte es herauskommen, ihren Job verliert und zusaetlich harte Strafen erdulden muss, da sie einen potentiell aeusserst gefaehrlichen Terroristen beschuetzt. Doch von ihren Arbeitgebern bekommt man nichts miy, das darauf hindeuten koennte. Auch Familie und Freunde werden weitestgehend ausser acht gelassen, was Annabel fuer mich als etwas unrealistisch erscheinen laesst.
Tommy Brue gefaellt mir als Charakter wesentlich besser. Er ist ein reicher britischer Banker, der etwas muede vom taeglichen Arbeitsleben ist und ein kaputtes Privatleben hat. Seine erste Ehe ist geschieden und seine zweite sieht auch nicht sehr rosig aus. Und doch ist er entschlossen, Issa zu helfen, wenn auch nur, um somit alle “Lippizaner” loszuwerden.
Der Werdegang Issas ist auch interessant zu beobachten. Am Anfang konnte ich mich mit ihm noch nicht ganz anfreunden, dieses Misstrauen hat sich erst im spaeten Mittelteil weitestgehend gelegt. Er ist die einzige Person, die eine bedeutende Wandlung in diesem Buch durchmacht. Am Anfang ist er veraengstigt und etwas duester, doch sehr gottesfuerchtig. Diese Gottesfuerchtigkeit behaelt er auch bis zur letzten Seite bei, mir schien es manchmal, als sei das das einzige, was ihn am Leben halte. Mit der Zeit wird er aber immer selbstbewusster, auch wenn er immer noch sehr vielen Menschen misstraut. Ich bin mir immer noch nicht klar, ob er sich des Ausmasses seiner Gefahr wirklich bewusst ist, oder ob er das Gefaegnis als einzige Gefahr sieht. Er bleibt das ganze Buch ueber ziemlich zugeknoepft und legt sein Schicksal in Allahs Haende. Sehr oft hat er mich an Sonny, den Roboter aus I Robot (mit Will Smith, sehr guter Film :)) erinnert. Es ist schwer zu erklaeren, warum; ich schaetze, es waren seine Aussagen, die Art wie und was er gesprochen hat. Wenn ihr den Film gesehen habt, wisst ihr hoffentlich, was ich meine, denn ich finde es sehr schwer in Worte zu fassen.
So gut der Anfang auch war, der Grossteil des Buches konnte mich nicht fesseln. Die Geschichte geht langsam voran, man wird mit Namen von blassen Geheimdienstmitarbeitern regelrecht bombadiert, die man sich schwer merken kann, da es so viel sind, die sich nicht gross voneinander unterscheiden. Sie sind nicht essentiell wichtig, aber dennoch ist es teilweise schwer, den Sinn zu verstehen, wenn man nicht weiss, zu welchem Geheimdienst jemand nun gehoert und wie sein persoenliches Verhaeltnis zu den beteiligten Personen ist. So schleppte ich mich von Seite zu Seite, obwohl sehr wenig passierte. Doch bald waren die letzten 20 Seiten erreicht, da habe ich mich gefreut. Auf den letzten 10 Seiten wurde es dann endlich nochmal spannend, es kamen Action und unerwartete Wendungen hinein. Dieses Bisschen hat mich wirklich gefesselt. Doch es waren wie gesagt leider nur die letzten 10 Seiten. Im Grossteil des Buches passiert einfach zu wenig und der Schreibstil ist sehr langsam und trocken, wodurch es sich sher lange hinzuziehen scheint.
Das Ende laesst dann leider 99% der Fragen offen, was ich sehr schade finde. Zwar regt es stark zu denken an, aber man kann die Geschichte schlecht selber weiter erzaehlen. Es ist ploetzlich, schnell und wenig informativ, sodass es den Leser unbefriedigt das Buch zuklappen laesst.
Den Mittelteil haette man meiner Meinung nach stark kuerzen koennen, dafuer waere die Geschichte mit Beantwortung dieser Fragen ordentlich zu Ende gebraacht worden. So steht fuer mich nur fest, dass John le Carre definitiv kein USA-Fan ist, er kritisiert mit diesem Buch unsere Gesellschaft, aber vor allem die Regierungen der westlichen Laendern und deren Geheimdienste.
Womit ich auch schon bei der Relevanz zu unserer heutigen Zeit waere. Das Buch ist natuerlich nicht nur eine Geschichte, soe hat auch eine Botschaft. Hier wird ganz klar gezeigt, wie die Geheimdienste der westlichen Staaten eher als Feinde denn als Freunde agieren, jeder kocht sein eigenes Sueppchen und will dabei die Suppe des anderen versalzen. Auch sagt der Author, dass viel zu viele Unschuldige wegen Scheingruenden einfach so festgenommen und eingesperrt werden, einfach, um sagen zu koennen, man habe mal wieder einen Terroristen geschnappt. Aus dieser Sicht betrachtet ist das Buch auch wirklich gut, denn diese Botschaft ist leider wahr und gut ruebergebracht.
Jetzt moechte ich nochmal auf den Buchrueckentext zurueckkommen. Dieser hat mich dazu verleitet, das Buch zu kaufen, doch jetzt, nachdem ich es gelesen habe, sehe ich ihn voller Halb- und Unwahrheiten.
Erstmal finde ich es sehr komisch, dass auf einem Buch Werbung fuer ein anderes Buch gemacht wird, auch wenn es vom gleichen Author stammt. Aber gut, das ist meine persoenliche Meinung und kann wohl jeder selbst entscheiden.
Jetzt aber zu der eigentlichen Beschreibung:
“Ein halbverhungerter junger Russe in einem langen schwarzen Mantel wird in der Schwaerze der Nacht nach Hamburg geschmuggelt.”
–> Klingt toll, davon kriegt man aber leider nichts mit. Das hätte man sehr schoen verwerten können, diese Möglichkeit hat le Carré aber leider ausgelassen.
“Bald ist ihr [Annabel] das Überleben ihres Klienten wichtiger als ihre Karriere.”
–> Auch heraus haette man ein schoenes Drama machen koennen, diese Gefahr wird aber ueberhaupt nicht beschrieben. Leider. Es waere ungleich spannender, wenn Annabel auch darum kaempfen muss, ihren Job zu behalten, bzw. ihn verliert und anschliessend wieder bekommen will.
“Ein Dreieck unmöglicher Liebe ist entstanden.”
–> Tommy liebt Annabel, Annabel fuehlt sich sowohl zu Tommy als auch zu Issa hingezogen, bei Issa bin ich mir unklar. Allerdings ist diese Geschichte noch nicht mal eine Nebenstory, das haette man auch stark erweitern koennen.
“Bevölkert mit Personen, die der Leser nie verlieren will”
–> Da die Personen leider unzureichend beschrieben sind, konnte ich mich nicht wirklich mit ihnen identifizieren. Es wird einfach zu wenig über sie ausgesagt, als dass ich sie “nie verlieren” moechte. Eine Ausnahme könnte da Tommy Brue bilden.
“Marionetten lebt mit Humor …”
–> Kein einziges Mal musste ich in diesem Buch laecheln oder schmunzeln, von lachen gar nicht zu reden. Gaehnen war viel oefter an der Tagesordnung.
“…[Fortsetzung vom letzten zitierten Satz], knistert aber vor Spannung bis zur letzten atemberaubenden Seite.”
–> Wenn man das nur auf die letzten 10 Seiten bezieht, stimmt es, ansonsten ist es Schwachsinn.
“Es ist außerdem ein Werk tiefer Menschlichkeit und einer ungewoehnlichen Relevanz zu unserer heutigen Zeit.”
–> Hier hat er Recht, das ist ein absoluter Pluspunkt!
Fazit
Das Thema ist sehr interessant, allerdings ist es das Buch dank des Schreibstils und vieler ausgelassener Moeglichkeiten leider nicht. Ueber lange Strecken ist es langweilig und trocken, sodass ich es teilweise fast weggelegt haette. Es wurde viel zu viel Potential verschenkt, Moeglichkeiten, es sehr spannend gestalten, gab es naemlich genug.
Deswegen meine Wertung: 4/10 Sternen
Danke an Hannibal für diese Rezension.
