Feb
06
2009

Operation Walküre – Filmrezension


Operatin Walküre – Regie: Brian Singer

Wir beginnen in Afrika. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und Oberst Stauffenberg versucht den kommandierenden Offizier zum Rückzug zu bewegen, intensiv setzt er sich für die Soldaten ein, argumentiert, dass ein Durchhalten angesichts der gegnerischen Kräfte sinnlos wäre und hat schließlich Erfolg. So wird er also eingeführt: in legerer Feldkleidung statt in Garnitur, wenig um das eigene Fortkommen bemüht und couragiert auch gegenüber Vorgesetzten – kurz und knapp: der Held des Films.
Genug der Vorstellung, es folgen Luftangriffe, ein paar Panzer brennen, Autos kippen um und Stauffenberg verliert Auge, Hand und noch drei Finger. Damit ist das Vorgeplänkel vorbei und wir ziehen uns für den Rest des Films von Kriegsgeschehen, und größeren Explosionen zurück, Stauffenberg darf ab jetzt Ausgehuniform tragen und mit ihm alle anderen. Es wird nicht geschossen, sondern geredet; es wird nicht gekämpft, sondern geplant.

Langsam begeben wir uns also in den eigentlichen Film, ein Anschlag schlägt fehl, die Verschwörer bleiben unentdeckt; nun benötigt man einen neuen Mann beim Heer, den man in Stauffenberg findet. Es wächst zusammen, was zusammengehört – oder vielleicht nicht so ganz, denn der junge Graf mischt die Runde der greisen Politiker gehörig auf, ergreift immer wieder die Initiative und stellt Fragen, an die vorher mal wieder niemand gedacht hat („Hitler töten? Gut, aber was passiert danach?”). Ab jetzt wird taktiert und diskutiert, geplant und vorbereitet, Anschläge werden abgebrochen und schließlich ausgeführt – immer im Zentrum alles Geschehens: Stauffenberg.
Der weitere Verlauf birgt dann rein handlungstechnisch keine Überraschungen mehr, aber wie sollte er auch? Die Geschichte muss zu Ende erzählt werden, wie alles ausgeht, weiß man ja schon. Wenden wir uns lieber vom Was zum Wie.

Der Film beginnt eigentlich mit einem Prolog: Afrika und ein gescheitertes Attentat um Henning von Tresckow. Losgelöst vom Rest der Handlung, sowohl erzählerisch als auch filmtechnisch, führt er einige Figuren ein, versucht aber gar nicht erst die Beweggründe der Charaktere darzustellen. Auch der Krieg, das Reich, die Vorgeschichte werden nicht erwähnt, selbst die schwere Verwundung Stauffenbergs bleibt im weiteren Verlauf eher bedeutungslos.
Ich kann das nur befürworten, denn die ersten fünf Minuten eines Films sollten meiner Meinung nach nicht dazu genutzt werden, sämtliche Charaktere einzuführen und komplexe Verwicklungen darzustellen. Erstmal in Ruhe anfangen, sage ich, bei unterhaltsamen Filmen auch gerne ein Vorspann dazwischen, es bleibt zumeist genug Zeit, alles zu erklären.
Auch wenn es hier nicht ganz passt, möchte ich ein Negativbeispiel anführen: „Batman Begins“ hat den meiner Meinung nach wohl langweiligsten und dümmsten Anfang, den man sich bei einem Film von solcher Qualität vorstellen kann. Die Motivation und die Ängste des „dunklen Rächers“(!) gleich zu Beginn so vollkommen aufzudröseln, ist einfach überflüssig.

Aber zurück zum Thema: Der Hauptteil der Erzählung spielt zu großen Teilen in geschlossenen Räumen, vieles erinnert mehr an Spionage- oder Politthriller der 70er und 80er, als an einen Weltkriegsfilm; nicht die Vernichtungsmaschinerie steht hier im Vordergrund, sondern die Bürokratie. An manchen Stellen werden Hakenkreuze symbolträchtig ins Bild gerückt, als müsste man immer wieder darauf hinweisen, wo wir uns eigentlich befinden und selbst als Stauffenberg erstmals Hitler begegnet, wird das nicht zum Schlüsselerlebnis, er kommt, er geht, er hat ja nur eine Unterschrift benötigt.
Der Spannung tut das gewiss keinen Abbruch, im Gegenteil, man kennt den Ausgang und kennt ihn doch nicht, als würde man ein Fußballspiel erst in der Wiederholung sehen. Wo finden sich die Indizien für das Scheitern? War dieses Vorhaben nicht schon in der Entstehung dem Untergang geweiht oder war einfach die Planung fehlerhaft? Nicht dass man dann glauben könnte, Hitler wäre dem Anschlag wirklich erlegen, aber die Faszination eines kompletten Systemumsturzes mitten im Jahre ’44 trägt einen immer weiter, bis man sich direkt in ihm wiederfindet, während verhaftete SS-Männer abtransportiert werden. Irgendwann muss man sich aber doch den historischen Fakten beugen und lässt das unausweichliche Ende kommen.
Bis dahin hat sich der Film, wie auch seine Protagonisten, komplett verausgabt, es gibt keine Verschwörung mehr, nur noch Maschine. Das Scheitern kommt schnell und unausweichlich, der Wunsch, in Erinnerung zu bleiben, soll hier nicht erfüllt werden – noch lange neun Monate wird der Krieg in Europa dauern.

Was ist es nun für ein Film? Ist es ein Tom-Cruise-Film? Ja, er ist es, voll und ganz auf die Person Stauffenberg zugeschnitten. Wer eine grundsätzliche Abneigung gegen Cruise hegt, sei es wegen Scientology oder seiner Schauspielkunst, sollte sich diesen Film also nicht ansehen. Ich dagegen halte ihn trotz einiger mangelhafter Filme für einen wirklich guten Schauspieler, wie er es beispielsweise in „Magnolia“, „Minority Report“ oder „Die Farbe des Geldes“ bewiesen hat. Auch in „Operation Walküre“ liefert er nun eine überzeugende Leistung. Er wirkt kühl, selbstbewusst, überzeugt, genau wie es bei Cruise oft der Fall ist, aber auch wie die Figur hier angelegt ist. Graf Stauffenberg und Tom Cruise, das passt diesmal und es trägt zum Gelingen des Films bei.
Auch die Nebendarsteller tragen illustre Namen. Vor allem Tom Wilkinson gibt den bigotten General Fromm sehr überzeugend, als einzige Figur zwischen den beiden Fronten, wendet und wandelt er sich immer wieder, von überheblich bis kleinlaut muss hier das Spektrum reichen. Die Verschwörer dagegen stehen fast ausnahmslos im Schatten Stauffenbergs, nur Kenneth Branagh hat als Henning von Tresckow zu Beginn des Films eine schöne Episode um den fehlgeschlagenen Anschlag für sich allein und darf im weiteren Verlauf auch einige Zweifel an Stauffenbergs Plänen äußern. Vor der eigentlichen Operation, wird er dann aber an die Front versetzt und so fehlt sein spöttisches Grinsen in der zweiten Hälfte. Schade, ich sehe Branagh gern.
Von deutscher Seite aus sind die „Untergangs“-erfahrenen Thomas Kretschmann und vor allem Christian Berkel dabei, die trotz ihrer Herkunft nicht einfach nur den befehlebrüllenden Feldwebel Schulz geben müssen. Gerade Berkel hat als Albrecht Mertz von Quirnheim eine der zentralen Rollen inne und weiß diese auch ordentlich auszufüllen.

Was an „Operation Walküre“ gerne hervorgehoben wird, ist die historische Genauigkeit und auch von anerkannten Historikern wird diese dem Film bescheinigt. Die Drehbuchautoren haben in dieser Hinsicht also ganze Arbeit geleistet und Regisseur Brian Singer, in letzter Zeit eher dem phantastischen Genre zugeneigt (X-Men, Superman), gibt sich erkennbar Mühe, das ganze in eine glaubwürdige Form zu verpacken.
Gerade sehr bekannte oder heikle Themen erfordern ja eine möglichst hohe Exaktheit und dabei wirken historische Filme dann manchmal so, als würde nur eine Strichliste besonders geläufiger Begebenheiten abgehakt, die narrative Verknüpfung wird dabei bisweilen vernachlässigt und es fällt schwer, mit der Szenerie vertraut zu werden.
Nun, den Erzählfluss beizubehalten, ist hier aufgrund des engen Zeitfensters weniger schwierig, das wirkliche Problem ist, dass sich kaum Möglichkeiten bieten, mal etwas anderes als Offiziere zu zeigen. Einen teuren Tom-Cruise-Film kann man leider nicht auf ein Kammerspiel im Sinne von „Die 12 Geschworenen“ reduzieren, wo ein Raum und ein dutzend Schauspieler komplett ausreichend waren; und trotzdem wäre gerade diese Form für die Konzeption des Films angemessen gewesen. Dass man aber auch bei einer weniger konsequenten Darstellung nicht zwangsläufig auf eine klischeebeladene Flut der Emotionen zurückgreifen muss, um den Zuschauer für die Geschichte einzunehmen, zeigt Singer hier recht elegant, indem er immer wieder den Blick des kleinen Mannes einnimmt. Da kann es passieren, dass der Focus plötzlich auf eine Sekretärin oder einen Fahrer fällt, deren Pflichterfüllung eigentlich nicht weiter von Bedeutung ist, aber mit denen sich die Kamera eben lang genug beschäftigt, um jedes Mal Interesse für diese Figuren zu wecken und zu zeigen, dass hinter all den Rädchen im System auch immer wieder eigene moralische Persönlichkeiten stehen. Ähnlich gut funktioniert auch die Idee, einige Szenen quasi direkt aus der Sicht eines anonymen Beobachters zu schildern. Dabei nimmt die Kamera eine Position ein, die eben nicht die beste Übersicht bietet, es finden sich Hindernisse im Blickfeld, die Szenerie wird aus Hüfthöhe gezeigt oder aus der Luke eines Flugzeugs, während die Protagonisten vor uns gerade die Gangway herabsteigen. Weshalb manche Filmemacher auf die absurde Idee kommen, dass man nur mit verwackelten und verrauschten Digicambildern Intensität erzeugen kann, wird durch diese Einstellungen noch unbegreiflicher.

Gerade diese Sequenzen haben mich für den Film eingenommen und ich möchte sie hier auch hervorheben, da es viele gibt, die amerikanische Produktionen in Multiplexkinos meiden, um keinen typisch hollywoodesken Einheitsbrei vorgesetzt zu bekommen. Letzten Endes ist aber dieser 60-Millionen-Dollar-Streifen klüger und feiner als der banale deutsche Geschichtsporno „Der Baader Meinhof Komplex“, welcher jetzt zu allem Überfluss und mitsamt seiner volksverdummenden Deppenleerzeichen für den Auslandsoscar nominiert worden ist. Nicht dass ich die „Walküre“ nun zu einem Glanzlicht der Filmgeschichte erheben möchte, aber das was der Film macht, macht er auch richtig; er weiß Inhalt und Form gesund zu verknüpfen und zeigt, dass die Erzähltradition des new Hollywood der Siebziger nicht ganz vergessen ist. Die großen europäischen Produktionen sind häufig auch nicht einfallsreicher als der amerikanische Durchschnitt.

Kommen wir zur Wertung: „Operation Walküre“ ist bestimmt kein unvergessliches Filmkunstwerk, dazu hätte man Stellung zur Vergangenheit und Gesinnung der Verschwörer beziehen müssen, anstatt die Figuren einfach zu idealisierten Widerstandskämpfern zu machen; am meisten fehlt mir die Erarbeitung der Motivationen der Verschwörer, denn die schier übermenschliche Souveränität, die Stauffenberg in jeder noch so heiklen Situation an den Tag legt, lässt einem die Figur so seltsam fern erscheinen. Da ist kein Wanken und Zaudern zu sehen, doch wenn der Grund für solche Entschlossenheit fehlt, dann wirkt das Handeln nur noch vorprogrammiert, und unausweichlich geht der Graf einem Ende entgegen, als lenkte ihn eine fremde Macht und nicht sein Gewissen, dem er sich ja eigentlich verpflichtet fühlte.
So bleibt der Film ein handwerklich gelungener Thriller, historisch erweitert er den Horizont eines 16-jährigen Schülers aus Iowa und immerhin lässt er die weiteren Umstände so weit außen vor, dass man auf jeden Fall gezwungen ist, sich weiter zu informieren. Als Pluspunkt will ich das aber nicht wirklich werten.

Wer mit bestimmten Erwartungen in diesen Film geht, wird wahrscheinlich enttäuscht werden, für den unvoreingenommenen Betrachter, kann es sich aber zu einem spannenden Kinoabend entwickeln. Vor allem, da er klug und nüchtern erzählt ist und dazu auch noch gut aussieht, gibt es für den Film: 7 von 10 Sternen.

Sehr empfehlen möchte ich noch ein Interview mit dem Historiker Peter Hoffman und den beiden Drehbuchautoren: Klick

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Written by Reksilat in: Medien | Tags:, ,

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