Nov
13
2008
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SWR 2 – ein Radiosender, der Reich-Ranicki gefallen könnte.

Wir alle haben vom Eklat um Marcel Reich-Ranicki gehört, der kürzlich das sinkende Niveau im deutschen Fernsehen beklagte. Er forderte unter anderem Shakespeare statt Sendungen wie “DSDS” oder “Sex-Report” als Abendunterhaltung (kein indirektes Zitat!). Dabei argumentiert er aber an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei, die nach einem langen Arbeitstag einfach keine Lust mehr auf hochanspruchsvolle Werke haben.

Ich selbst schaue einfach nicht fern, wenn das Programm nicht meinem Geschmack entspricht, aber ich höre, wenn ich Auto fahre, immer Radio. Was mich an den hier in Baden-Württemberg empfangbaren Radiosendern wie Energy, Radio Ton oder Antenne1 gestört hat, war weniger die Qualität der Musik. Es war mehr die häufige Werbung und die endlosen Wiederholungen eines Liedes, wenn denn jemand mal bemerkt hat, dass das Lied beliebt ist. So hingen mir Lieder, die ich am Anfang eigentlich toll fand, bald zum Halse heraus. Also durchsuchte ich die Radiofrequenzen nach Alternativen. In Sekundenschnelle war mir klar, dass SWR 4 (sendet Schlager und Volksmusik) nichts für mich ist und in den nächsten 50 Jahren auch nicht sein wird. Positiv überrascht hat mich jedoch SWR 2, ein völlig werbefreier öffentlich-rechtlicher Radiosender. Er hat sogar ein festes Programm, das man bereits Tage zuvor im Internet abrufen kann. Auf der Seite gibt es rechts einen Link, der zum Webradio führt, sodass jeder, der diesen Beitrag liest, in den Genuss kommen kann.

SWR 2 ist recht unkonventionell und besticht durch ein hohes Niveau und interessante Inhalte: Gesendet werden Musik, Podiumsdiskussionen, Sprachbeiträge, Interviews, Nachrichten, Hörbücher und Hörspiele. Die Musik ist Geschmackssache. Es wird kaum das gesendet, was in den Charts steht. SWR 2 ist keine Konkurrenz zu diesen Radiosendern. Obwohl auch manchmal recht aktuelle Lieder kommen, wird viel Klassik, Jazz und andere ungewöhnliche Musik gesendet. Was mich begeistert, ist, dass man viele Stücke sonst kaum zu hören bekommt. Das klassische Repertoire umfasst Standardwerke von Mozart bis Tschaikowsky, aber auch eher unbekannte und verhältnismäßig selten aufgeführte Komponisten wie Michail Glinka, Gabriel Fauré oder Luigi Cherubini. Vor einigen Wochen kam – in interessante Erklärungen eingebettet – ein Programm zu südamerikanischer Musik. Die Musik Südamerikas wird hierzulande kaum beachtet, bietet aber eine beachtliche Vielfalt: So gibt es laut Sprecher eine Region in Südamerika, wo die Einheimischen die Marimbas der afrikanischen Sklaven in ihr Kulturgut übernommen haben und sie zum Musizieren benutzen. Natürlich folgte daraufhin ein exemplarisches (aber in voller Länge abgespieltes) Stück, wo man die Marimbas deutlich hören konnte. Andernorts spielte jemand virtuos auf einem der Tuba ähnlichen Blasinstrument, das in Europa schon längst aus der Mode gekommen ist. Auch in die Musik von Spanien, China und dem “fruchtbaren Halbmond” (Syrien, Israel, Jordanien, Libanon, Ägypten) habe ich schon erklingen hören. So etwas hilft ungemein, den eigenen Horizont zu erweitern und etwas von der Vielfalt unserer Welt, in der wir leben, zu erkennen, dem Alltag zu entfliehen.

Darüber hinaus werden regelmäßig Teile von Hörbüchern (30 min.) gesendet (also das gesamte Buch in vielen Folgen). Zuletzt hatte Jane Austen die Ehre. Zur Abendunterhaltung werden oft Hörspiele gesendet, die man als Zuschauer auch teilweise mit auswählen kann. Bei den Hörspielen handelt es sich nicht um Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, sondern um knallharte Krimis. Gute Unterhaltung, wenn man z.B. abends lange Strecken fahren muss und schlecht fernsehen kann.

Die Sprachbeiträge sind verschiedener Art. Sie beinhalten sowohl natur- als auch geisteswissenschaftliche Themen. So gab es während der allgemeinen Diskussion um möglicherweise auftretende schwarze Löcher ein langes Interview mit einem Forscher/Experten (Name entfallen) über den LHC. Oder eines über Schach und Pädagogik mit Schach. Einen Beitrag über Zahlen und ein Interview mit einem Künstler über die Thematik seines neuesten Werkes. Diskussionen über Philosophie und Anthropologie. Zuletzt kam:

“Medienheld und Bösewicht –
Welches Bild haben wir vom Dieb?
Es diskutieren:
Prof. Dr. Uwe Danker, Historiker, Universität Flensburg
Prof. Dr. Michael Walter, Kriminologe, Universität Köln
Steffen Kopetzky, Schriftsteller, Pfaffenhofen an der Ilm
Moderation: Carsten Otte”

Es erwies sich, dass unser Bild vom Dieb doch sehr ambivalent ist. Beispiele waren sowohl historische (Schinderhannes), als auch literarische Personen. Auch allgemeine Phänomene “Wir nicken verständnisvoll mit dem Kopf, wenn uns [Prominenter] erzählt, dass er in seiner Kindheit gestohlen hat, um Geld für einen Kinobesuch zu bekommen” oder der massenhafte Diebstahl von Handtüchern aus Hotels spielen eine Rolle, besonders wenn wir uns eingestehen, das wir das gar nicht so lustig finden, wenn wir selbst die Geschädigten sind. Welche Projektionsfläche bieten literarische Diebe? Warum stehlen Menschen? Interessante Fragen, die uns mehr über uns selbst lehren.

SWR 2 bietet aber auch “einfachere” Sendungen wie z.B. den SWR 2 Dschungel (siehe die zwei Links). Der Dschungel besteht aus Reportagen, die an junge Leute gerichtet sind.

Ein Nachteil von SWR 2 ist allerdings, dass die Musik für Menschen, die anders als ich nicht alles hören, nicht dem Geschmack entsprechen könnte und dass es in einem gewissen Maße anstrengend ist, den Sprachbeiträgen zuzuhören. Man muss sich konzentrieren und tatsächlich mitdenken, den Inhalt aufnehmen. Herrscht Lärm, muss man sich auf starken Verkehr konzentrieren oder möchte man sich mit dem Beifahrer unterhalten, kann es recht schnell vorkommen, dass man etwas verpasst. Das ist bei den Diskussionen nicht so tragisch, aber bei Hörbüchern und Hörspielen. Deshalb bleibe ich, wenn ich müde bin und mich einfach nur berieseln lassen möchte, doch bei Energy oder SWR 3.

Fazit: Ich kann SWR 2 nur empfehlen. Der Sender ist ein echtes “Bildungsradio”, dem wahrscheinlich sogar Marcel Reich-Ranicki sein Wohlwollen schenken würde.

EDIT: Leider sind die Links irgendwie verschwunden. Bis ich sie wieder reinmachen kann, einfach über Google suchen.

Written by Tequila in: Medien | Tags:, , , , , ,
Nov
08
2008
0

Marcel Reich-Ranicki und die Fernsehkultur der Nichtprimitiven

Die interessierte Fernsehnation steht Kopf! Marcel Reich-Ranicki inzeniert im Fernsehen medienwirksam eine Fernsehkritik bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, indem er während der Verleihung den Eklat erklärt: “Ich nehme diesen Preis nicht an!” Und plötzlich tritt das Thema Fernsehkritik aus dem Underground von Fernsehkritik.tv und ähnlichem heraus und steht in der breiten Öffentlichkeit der Fernsehnation. Mit dem Eklat aber nicht genug. Thomas Gottschalk bot Marcel Reich-Ranicki an, mit ihm über die Qualität des Fernsehens in selbigem zu diskutieren. Am 17. Oktober strahlte das ZDF die Sendung “Aus gegebenem Anlaß” um 22:30 h aus.

Den Auftritt von Reich-Ranicki beim Fernsehrpeis fand ich gelungen. Er wirkte wie ein kleiner alter Mann, dem keiner mehr was anhaben kann. Frech und medienwirksam brach er so die Form der Preisverleihung auf und sprach dabei offenbar vielen Menschen aus der Seele. Dieser Auftritt gefiel mir. – Anders werte ich die Diskussion mit Thomas Gottschalk. Hier geschah, was ich nie für möglich gehalten hätte: Gottschalk war besser als Reich-Ranicki. Ich fand Gottschalk zwar nicht grandios, aber wie man so schön sagt: “besser als erwartet”.

Gottschalk konnte nicht darauf verzeichten, den Versuch zu unternehmen, witzig zu sein; hatte aber zugleich differenzierte Argumente und eine eigene Meinung, die man einem Clown so nicht zugetraut hätte. Reich-Ranicki jedoch disqualifizierte sich mit mit einer dogmatischen Einstellung für die Kultur. Shakespeare als Unterhaltungsprogramm zu präsentieren finde ich völlig fern einer möglichen Fernsehrealität. Auch arrogant erscheint mir das Bild, das Reich-Ranicki vom Fernsehzuschauer hat: Er teilt die Zuschauer, so Reich-Ranicki wörtlich, in “die gebildeten und [...] die primitiveren Menschen” ein.

Ich denke, daß besonders im Bild vom Fernsehpublikum diese Unterscheidung sehr weitgehend akzeptiert ist und sich zugleich mit dieser kategorischen Unterscheidung vieles von dem begründet, was am Fernsehen kritisiert wird. Ich glaube nicht, daß es die gebildeten und die dummen Menschen gibt. Diejenigen, die als “dumm” präsentiert werden, haben nur oft kein Abitur, kein Studium und daher auch nicht den Hintergrund, sich den besser gemachten Sendungen zu nähern. Was soll denn jemand noch sagen, wenn er diesess Gespräch zwischen Reich-Ranicki und Gottschalk verfolgt und dort ohne Umschweife zu den “primitiveren Menschen” gezählt wird? – Mich jedenfalls wundert es da nicht, daß er direkt zu RTL schaltet und sich denkt, daß er den “intellektuellen Scheiß” nicht versteht, daß er ihn nicht braucht, nicht will und froh ist, daß ein intellektuelles Fernsehen ihm nicht jeden Abend nach der Arbeit erklärt, daß er dumm und primitiv ist.

Natürlich wird diese Einstellung nicht in jeder Sendung so direkt ausgeprochen. Aber ich kann mir wohl verstehen, daß viele allein das intellektuelle Flair, das sich Sendungen des Bildungsbürgertums geben, schon abschreckt. Ich meine hiermit sowohl die Form, die Sendeplätze als auch die Sender. Heiner Meier, 25, Heizunginstallateur schaltet den Fernseher ein und zappt durch oder schaut in der TV-Zeitung, was im Fernsehen kommt. Bei Arte wird er da nicht landen. Arte hat sicher ein gutes Programm, aber allein das Image des Senders wird schon viele abschrecken.

Wenn ich mir vorstelle, daß anstelle von Brisant in der ARD (also gleicher Sender, gleiche Sendezeit) die Arte-Sendung “Mit offnen Karten” gezeigt würde; dann wäre die Hemmung, es anzuschauen deutlich geringer. Ich phantasiere von Gertud Hiller, 45, Hausfrau. Sie schaltet zum Bügeln wie gewohnt den Fernseher ein, um wie gewohnt Brisant zu gucken. Aber es kommt “Mit offenen Karten”. Sie wird sich sicher wundern, aber doch nicht gleich abschalten. Unter dem Aufmacher “Mit Landkarten die Welt ganz anschaulich erklärt” wird sie zuhören und verstehen, was ihr erklärt wurde. Warum sollte ihr das nicht gefallen?

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Written by frechBengel in: Gesellschaft, Medien |

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